Würde und Respekt

25. Juni 2015

In der fünften Klasse Volksschule haben wir damals ein Projekt zum Thema Menschenwürde gemacht, das mich sehr beeindruckt hat, weil wir Worte und Bilder gefunden haben für etwas, was man nicht mit den Augen sehen kann. Würde wird nur indirekt sichtbar, in Körperhaltungen, Handlungen oder der Art und Weise der Kommunikation. Würde ist ein Geschenk der Natur, alles Natürliche lebt, bewegt sich und interagiert würdevoll – weil alles Natürliche verbunden ist.

Der Mensch hat durch seine Kulturen die Möglichkeit, sich von seiner Würde zu trennen, indem er sich von seiner wahren Natur – eine Schöpfung der Natur, ein Kind dieser Erde zu sein – trennt. Würde ist die Qualität der menschlichen Seele. Diese braucht einen Raum von Respekt und Wertschätzung, um sich entfalten zu können. Dann können Seelenkräfte wirksam werden und heilen, den Mensch und sein Schicksal versöhnen, Körper und Geist verbinden, Natur und Kultur verbinden.

Einen solchen Raum – man kann es auch ein Feld nennen – von Respekt und Wertschätzung zu schaffen, setzt einen starken Willen, viel Kraft und Erfahrung und vor allem eine unbedingte Kommunikation mit der eigenen Seele voraus. Es ist im Wesentlichen ein unsichtbarer Raum, zwischen Mensch und Natur, zwischen zwei oder mehreren Menschen. Es gibt Umgebungen, in denen es leichter ist, dieses Feld zu öffnen, und es gibt Umfelder, die es fast unmöglich machen.

Die Entwicklung des „Medizinbetriebes“ in den letzten Jahrzehnten, insbesondere die Ökonomisierung der Krankenhausleistungen, der „Machbarkeitswahn“ einer hochtechnischen Medizin, die Ausgrenzung von Verfall, Siechtum und Tod als Teil der menschlichen Existenz und die Vernachlässigung seelischer Qualitäten in der Ausbildung und Erziehung junger Ärzte haben ein sehr angespanntes Klima geschaffen.So ist der Raum der „Modernen Medizin“ entstanden, in dem Patienten Kostenträger und Teile großer Statistiken wurden, zu Objekten wurden, die ihre Subjektivität verloren haben – in dem sie aber hocheffizient dem wahrscheinlichst positivsten Resultat zugeführt werden.

Ein einzelner Arzt, eine einzelne Ärztin wird es fast nicht schaffen, in diesem Umfeld den Raum von Würde, Respekt und Wertschätzung zu öffnen und zu halten. Dort, wo es noch immer gelingt, ist es immer die gemeinschaftliche Leistung vieler, die sich innerlich auf die Seele ausgerichtet haben.

Wenn ich im Dienst zu einem Patienten gerufen werde, begegnet mir all das in Bruchteilen von Sekunden. Ein alter Mann blickt mich flehentlich aus den Tiefen seines Krankenbettes an, ihn aus diesem Zustand zu erlösen. Bitte schnell. Innerlich höre ich die Stimmen seiner Angehörigen, vielleicht sogar gemischt mit dem Gemurmel ihrer Anwälte. Die Akte zählt mir eine schier nicht enden wollende Phallanx der abstrusesten Medikamentennamen auf, deren Interaktionen ich mir wohl nicht einmal in einem ganzen Tag intensiven Studiums erarbeiten könnte. Das Pflegepersonal wartet auf klare Anweisungen zu konkreten Handlungen, die den Normalbetrieb baldmöglichst wieder herstellen – schließlich gibt es noch viele andere Patienten, die unter Umständen ähnlich nah an der Grenze zur Dekompensation in ihren Zimmern liegen.

Oft sind gerade diese Patienten schon seit Jahren durch die Mangel des Systems gedreht worden, viele von ihnen sind traumatisiert durch schwere Eingriffe und durch Hospitalisierung in ihrem Selbstbild schwer angeschlagen. Sie sind gefangen in demselben Geflecht wie ihre Ärzte und die Krankenhausleitungen, fremdbestimmt in einem Netz aus Leitlinien, Qualitätsstandards, Medizincontrollern, unbewußten Ängsten und oft völlig undefinierten Heilsvorstellungen. Sie und ihre Angehörigen sind müde und halten oft nur noch verzweifelt an einem Leben fest, das in seiner Qualität als solches manchmal nicht mehr zu bezeichnen ist.

An dieser Stelle muss ich mich bei meinen Lesern – die es überhaupt bis hierher durchgehalten haben – für diese drastischen Darstellungen entschuldigen. Doch leider sind sie nicht aus der Luft gegriffen. Die Wucht genau dieser Umstände ist es, die mir immer wieder die Tränen in die Augen treibt.

Wie schaffe ich in einer solchen Situation einen Raum von Respekt und Würde? Es ist fast nicht möglich! Ich kann warmherzig sprechen, über die Hand einen ermutigenden Kontakt herstellen und versuchen, das minimalst nötige an Intervention zu finden und umzusetzen.

Oder ich erlaube mir, aus dem Raum der „Modernen Medizin“ hinaus zu treten, die Kontrolle von Parametern, das Hinausschieben eines eventuellen Todes aufzugeben. Den Kranken in den Raum seiner Natürlichkeit zurückzuführen? Wie schaffe ich das? Wie kann das überhaupt jemand schaffen? Wenn wir den Raum von Respekt und Würde verlassen oder verloren haben, den Raum unserer natürlichen Verbundenheit, unseren Seelenraum – wie können wir dann dorthin zurück finden?

Die Antwort werden wir nicht in unserer Kultur finden. Wir sollten sie dort suchen, wo die Menschen noch Anschluss zu einem alten Wissen haben, zu den „ursprünglichen Samen der Menschheit“.

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