Alles eine Frage des Kontextes …

3. August 2015

Notitz: Ich spreche aus Gründen der Gewohnheit und der Einfachheit von Patienten; Patientinnen sind damit ebenso gemeint, ich bitte um Nachsicht.

Ich arbeite häufig mit traumatisierten, manchmal sogar schwerst traumatisierten Menschen. Oft genug kommt es vor, dass sich hinter einer „normalen“ psychischen Diagnose frühe Traumatisierungen finden. (In Deutschland finden sich in fast allen Fällen transgenerationale Traumatisierungen, also sehr belastende Erlebnisse der Eltern oder Großeltern, welche diese im Rahmen der Weltkriege erlitten haben.) Für diese „Fälle“ gibt es mittlerweile – dankenswerterweise – ein ganzes Sammelsurium von Therapieverfahren, die überwiegend demselben Schema folgen: Abstecken einer Traumalandkarte, Erarbeiten und Einüben von „Stabilisierungstechniken“, Traumakonfrontation und letztlich in eine „Integrationpahse“, die den Patienten mit all seinem erlebten Leid wieder „gesund (??)“ macht.

Es ist ein schwieriger und langer Weg – für den Patienten wie für den Begleiter – sich den Wunden und Verletzungen zu nähern und diese Nähe zu halten. Manches Leid nimmt beiden die Luft zum Atmen und entwickelt Kräfte, die beide bis jenseits der Therapie und bis in ihre Träume verfolgen können. In der sich daraus ergebenden tiefen Kommunikation entwickelt sich aber auch bei beiden eine ebensolche – wenn langfristig nicht sogar tiefere Ebene: Mitgefühl und Staunen über die Kräfte, die zu einem Überstehen dieser Erfahrungen geführt haben. Daraus ergibt sich eine ungeheuerliche Polarität, eine innere Spannweite, die vielleicht sogar das gesamte Ausmaß des Traumas überbrücken kann. In dieser Polarität zwischen hellem Licht und tiefsten Schatten ein Gleichgewicht zu halten bleibt oft lebenslange Herausforderung und benötigt einen Raum, der möglichst wenig Irritationen schafft.

Genau hier eröffnet sich wieder der zuvor beschriebene Raum von Respekt und Würde. Ein Mensch, der gelernt hat, mit seiner oft tiefgreifenden Entwürdigung umzugehen, der seine biographischen Verletzungen tragen und zum Teil erlösen gelernt hat, ist dadurch unweigerlich als Persönlichkeit gereift. Er hat sich einen neuen Selbstrespekt erschaffen. Vielleicht hat er sogar die feine Differenzierungsfähigkeit seiner Seele wieder erlangt, welche Wahrheit von Lüge, authentisch von aufgesetzt etc. unterscheiden kann. Er ist definitiv gesünder – in einem absoluten Sinn. Doch hilft ihm das auch, in seinem Alltag und mit den Menschen, die solche Erfahrungen nicht gemacht haben wieder zurecht zu kommen?

Gesundheit ist stets eine Definition in Relation zum KONTEXT, in dem sie wieder hergestellt werden soll. Wie also sollte sich „Gesundheit“ bei uns in Deutschland definieren? Dass dieser Mensch wieder einer geregelten Arbeit nachgeht, in der er sich einem fremdbestimmenden System unterwerfen muss, das seinen Seelenregungen keinen Respekt zollt? In dem SIE sich wieder mit einer Herabwürdigung ihrer geschlechtlichen Identität arrangieren soll? Dass er wieder in einer Cafébar sitzen und Dinge zu sich nehmen kann, von denen jeder weiß, dass sie nur durch Unterdrückung und Knechtschaft von Arbeitern in fernen Ländern und/oder Tieren in unwürdigen Lebensumständen erzeugt wurden? Dass er am allgemeinen Konsum wieder teilnehmen kann, obwohl jeder weiß, dass durch Anbaumethoden (Gentechnisch veränderte Pflanzen auf künstlich bewässerten Äckern von Bauern angebaut, die sich nach fünf Jahren wegen ihrer Schulden suizidieren) und die Herstellung (ArbeiterInnen in unwürdigsten Zuständen) Blut an jeder Faser klebt? Wenn die letztliche „Befriedigung“ wieder bei einigen Wenigen ankommt?

Wer sich ernsthaft der Heilung seiner Seele widmet, der wird sich im Verlauf zunehmenden sozialen Schwierigkeiten ausgesetzt sehen. Unser aktueller „kultureller“ Kontext reagiert auf Menschen, die ihren inneren Prozessen mit Würde und Respekt zu folgen versuchen, mit hochgradigem Misstrauen und sehr oft mit Abwertung. Die Ausnahme hierbei stellen Künstlerpersönlichkeiten dar, welchen es gelungen ist, die inneren Polaritäten fruchtbar zu machen und nach Außen zu tragen.

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